Entstehung und Entwicklung der anthropogenen

Waldlosigkeit
Stand bis zur 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts
Der Großteil der offenen Flächen auf dem Gebiet des Nationalparks Šumava entstand in verschiedenen Zeiträumen erst infolge der Kolonisationsaktivitäten des Menschen, auf Kosten der ursprünglichen Waldgewächse. Die zweite Hälfte des 17. und insbesondere dann das 18. Jahrhundert waren die Zeit, in der der Druck auf die Entwaldung beträchtlicher Teile Šumavas infolge der letzten Welle der Besiedlung (Aufschwung des Glaswesens und der Holzförderung) seinen Gipfel erreichte. Von der Dauerhaftigkeit und Intensität der Nutzung dieser derart entwaldeten Flächen hing ab, ob sich hier eine teilweise oder vollständige Waldlosigkeit von der ersten Entwaldung bis zum heutigen Tag halten konnte, oder ob die Existenz der Waldlosigkeit lediglich vorübergehenden Charakters war. Von der Art der Eingriffe, durch die der waldfreie Zustand dieser Lokalitäten aufrechterhalten wurde, hing dann ihr tatsächlicher Charakter ab. Es ist also offensichtlich, dass das absolute Gros der Waldlosigkeit keinen Zustand aufweist, der auf eine historische Langzeitwirkung des Menschen zurückzuführen wäre.
Seinen Platz bei der Gestaltung dieser Landschaft hatte stets der Mensch als Landwirt mit seiner spezifischen Tradition der extensiven Kleinlandwirtschaft und der Handwerksproduktion. Gerade durch diese langfristige Wirtschaftstätigkeit entstand eine kulturelle, bunte, mannigfaltige, harmonische und ökologisch ausbalancierte Landschaft mit vielen wertvollen Elementen, die gerade durch diese Art der Nutzung bedingt waren.

 

Nachkriegszeit

Infolge des II. Weltkriegs kam es zur Vertreibung des Großteils der gesamten Bevölkerung im Grenzgebiet Šumavas, was direkte Konsequenzen für die Nutzung bzw. Nichtnutzung der offenen und bisher landwirtschaftlich genutzten Landschaft hatte. Nach der Zerstörung der Siedlungen und der Siedlungsinfrastruktur, der Bildung eines Grenzgebiets, der Armeeübungsgebiete Dobrá Voda und Boletice und der Errichtung des „Eisernen Vorhangs", wurde die bis dahin landwirtschaftlich genutzte Landschaft zum größten Teil sich selbst überlassen, und der Naturalisationsprozess setzte ein.

Landwirtschaftliche Großproduktion

Mit der Entvölkerung des Grenzgebiets nach dem Jahr 1945 einerseits, dem Antritt der landwirtschaftlichen Großproduktion, der Bemühung um eine Intensivierung und Spezialisierung der landwirtschaftlichen Tätigkeiten, der Absenz der Beziehung der Lohnarbeiter zu einer bestimmten Lokalität andererseits, kam es zu einer Störung der Balance der Ökosysteme der Kulturlandschaft. Ungünstig äußerten sich vor allem die Meliorationen in Gestalt großflächiger Entwässerungsmaßnahmen, einer weit reichenden Rekultivierung, der Liquidation von Grünflächen, von Trockenmauern, von Feldwegen, der übermäßigen Düngung sowie der Nutzung von Pestiziden, aber auch einer übermäßigen Konzentration landwirtschaftlicher Tiere mit all ihren Folgen. In diesen intensiv genutzten Lokalitäten kam es zu einer grundlegenden Änderung der Coenosis und zur Verarmung des Artenspektrums von Pflanzen und Tieren.
Zugleich verhinderten aber der rapide Rückgang der Einwohnerzahl und der Übergang auf das Bewirtschaften großer Flächen und die Beibehaltung entfernter und unzugänglicher Flächen der Selbstregulierung das Verschwinden einiger Pflanzen- und Tierarten, die empfindlich auf anthropogene Einflüsse reagieren. Aus demselben Grund verschwanden jedoch andere Arten. Durch den Einfluss der Sukzession kam es zudem zu einer beträchtlichen Reduktion der offenen Flächen zugunsten der Wald- und vor allem der Mantelökosysteme, die aus Sicht der Biovielfalt von hoher Bedeutung sind
.

 

Gründung des Nationalparks Šumava

Zur Entstehungszeit des Nationalparks Šumava wurde praktisch der gesamte genutzte Boden von staatlichen Betrieben sowie von der Armee bewirtschaftet. Die Landwirtschaft war eng verknüpft mit den Ortschaften und historischen Stätten, mit Ausnahme des Gebiets des ehemaligen Armeeübungsgeländes Dobrá Voda, das zum extensiven Weiden einer Herde der Hereford-Rinder genutzt wurde. Das Bewirtschaften des landwirtschaftlichen Bodens wurde von größeren Zentren aus organisiert, die in Richtung Binnenland lagen. In Folge des Mangels an Arbeitskräften und oft auch aufgrund seiner schlechten Qualität war die Bewirtschaftung landwirtschaftlichen Bodens auf keinem hohen Niveau, die Differentiation aus Sicht des Naturschutzes war praktisch gar nicht vorhanden. Die ungeeignete Vereinigung von Grundstücken führte zu einer gestiegenen Erosionstätigkeit und zu ökologischen Schäden. Nicht anders war es beim Betreiben der Tierproduktion. Diese Struktur und Organisation landwirtschaftlicher Aktivitäten erwies sich als vollkommen ungeeignet zur Sicherung der Landschaftspflege im Nationalpark.

Lage heute
Die Pflanzenproduktion konzentriert sich im Berggebiet beinahe ausschließlich auf die Produktion von Energiefuttermitteln sowie auf Weideland für Rinder. Unter günstigeren Produktionsbedingungen (Chlum, Záhvozdí, Želnava, Nová Pec) neben der Produktion von Futter für Rinder und der Züchtung widerstandsfähigerer Getreidearten (Roggen, Hafer, Gerste) vor allem auf den Erhalt von Futtermitteln und auf den Strohbedarf für den Stall.
Die Tierproduktion ist überwiegend ausgerichtet auf die Haltung von Fleischrindersorten ohne Marktmilchproduktion. Zur Geltung kommen hier insbesondere die Rassen Hereford, Galloway, Aberdeen-angus, Highland Cattle (Schottisches Bergrind) usw. Einen bestimmten Platz nimmt auch die Haltung von Rindern mit kombinierter Nutzung ein, dabei vor allem im Grenzgebiet des NP Šumava. Ergänzend zur Landwirtschaftsproduktion ist die Pferdezucht (die Rasse Hafling für die Bereiche Reiten und Agrotourismus) bzw. in begrenztem Maße die Zucht von Arbeitspferden (zur Waldarbeit). Die Haltung von Schafen kommt bisher nur stellenweise zur Geltung.

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