Landschaftsgeschichte

Die letzte Eiszeit ging in Mitteleuropa vor 14 - 13 Tausend Jahren ihrem Ende entgegen. Der Mensch hielt sich damals in Gebieten mit angenehmerem Klima und reicheren Nahrungsquellen auf und besuchte die Außengebiete des Böhmerwalds eher zufällig. Belege dafür, wie damals und noch lange danach die Landschaft des Böhmerwalds ausgesehen hatte, sind daher allein in der Natur zu suchen. Man weiß bisher nicht allzu viel. Vieles von dem, was man weiß, wird sicherlich nicht richtig interpretiert. Doch bereits heute erhalten wir durch Teilerkenntnisse verschiedener Fachbereiche der Naturwissenschaften ein relativ ganzheitliches Mosaik an Wissen darüber, wie die Landschaft damals ausgesehen hatte.

Das Klima war damals wesentlich kälter, aber auch viel trockener als heute. Bereits damals galt die grundlegende klimatische Abstufung. Wenn man nun also die damalige Landschaft im Vorland des Böhmerwalds mit der heutigen rauen und offenen nördlichen Kontinentaltundra vergleicht, hatte der Böhmerwald den Charakter einiger Berglandschaften im heutigen hohen Norden. Kahle Bergwände, Geröll, Firnlandschaften, karge Vegetation eng angepasster Sträucher und Kräuter. Auch die widerstandsfähigsten höheren Gehölze baumartigen Wuchses hatten wohl gänzlich gefehlt. Der Ursprung dieser Gebirgsflora ist eher im Alpenhochland zu suchen als im fernen europäischen Norden, auch wenn die Bewegung der europäischen Flora in verschieden Phasen der Vereisung sehr kompliziert war und noch gar nicht vollständig erklärt wurde.

Am Ende der letzten Eiszeit und noch lange danach war der Böhmerwald eine offene Landschaft. In den weiteren Zeitabschnitten so, wie sich nach und nach der Charakter des Klimas veränderte, und die natürlichen Bedingungen eine immer größere Ausweitung des Waldes ermöglichten, wurde der Böhmerwald immer waldreicher. Diese Entwicklung erreichte ihre Hochphase, in der beinahe das gesamte Gebiet, sowohl in den Bergen, als auch im nahen Bergvorland, vom Wald bedeckt wurde. Ein Wald mit einem bunten Mosaik von Gehölzen und Kräutern, deren Baumartenzusammensetzung und räumliche Schichtung allein von den Naturbedingungen abhängig war. Der Mensch hatte zu jenem Zeitpunkt die Landschaft des Böhmerwaldes noch nicht bewohnt, auf eine unbedeutende Art und Weise beeinflusste er lediglich die niedrigeren Außengebiete der Landschaft.

Mit der Zeit gewann der Einfluss des Menschen im Bergvorland des Böhmerwaldes immer mehr an Bedeutung. Auch wenn man noch nicht von einer dauerhaften und kontinuierlichen Kolonisierung dieses Gebiets sprechen kann, bedeutete hier das Auftreten der Hirtenkulturen vor allem eine lokale Lockerung des Waldbestandes und sogar Entwaldung, an vielen Orten sogar für lange Zeit und in beträchtlichem Maße. Höhere Lagen und Gipfellagen des Böhmerwaldes blieben jedoch in jener Zeit noch gänzlich ohne menschlichen Einfluss. Es ist sehr wahrscheinlich, dass schon damals der Mensch von Zeit zu Zeit oder aber regelmäßig an zufälligen Orten den Bergwall des Böhmerwalds überschritten hatte. An der Wende von der Urzeit zu der uns näheren Geschichtsperiode kam es wohl innerhalb eines kürzeren Zeitraums zu einem bestimmten Rückgang der Besiedlung des Außengebiets des Böhmerwaldes und damit auch zu einer erneuten Selbstbewaldung der Flächen, die durch die Aktivitäten des Menschen entwaldet waren. In der Gesamtentwicklung der Landschaft des Böhmerwaldes war dies jedoch nur eine relativ kurze Etappe. Die landwirtschaftliche Besiedlung in der frühen Geschichtsperiode überdeckte und erweiterte bereits bald die älteren Siedlungen im Außengebiet des Böhmerwaldes. Der Wald wurde in diesem Gebietsteil schrittweise zurückgedrängt an Orte, die zur landwirtschaftlichen Nutzung weniger geeignet waren. Auch dort war der Wald jedoch in hohem Maße vom Menschen bei der Baumartenzusammensetzung und der Struktur beeinflusst, bis dahin jedoch nur indirekt und unabsichtlich. Die günstigen Einflüsse des lokalen Klimas im östlichen Teil des Vorgebirges waren die Ursache für einen schnellen Vorstoß der landwirtschaftlichen Besiedlung auch in einigermaßen höhere Lagen. Ersichtlich wird das vor allem in den Gebieten um Tschechisch Krumlau, Prachatitz und Sušice. So entwickelte sich in diesem niedrigeren Teilgebiet ein charakteristisches Mosaik landwirtschaftlich geprägter Landschaft mit kleineren Waldeinheiten, die sich, mit bestimmten Abweichungen zugunsten des Waldes oder der Waldlosigkeit, bis heute halten.

Die höheren und die höchsten Teilgebiete des Böhmerwalds blieben jedoch weiter mit unberührten Urwäldern bedeckt, auch wenn diese Gebiete immer öfter vom Menschen besucht und in begrenzten Flächen bereits landwirtschaftlich genutzt wurden.

Zuerst drang hier der Mensch ein, um nach Edelmetallen zu suchen. Vor allem der Abbau von Gold aus den Flussschwemmen war die bewegende Kraft des frühen saisonalen Eindringens des Menschen bis in die höchsten Lagen der zentralen Berggebiete. Man geht davon aus, dass die umfangreichen Überreste der Goldwascharbeiten in den höchsten Lagen des Böhmerwalds, zum Beispiel am Fuße des Roklan, erst aus dem fortschreitenden Mittelalter stammen. Es lässt sich jedoch nicht ausschließen, dass bei weiteren archäologischen Untersuchungen viele Überraschungen auftauchen und man die zeitliche Grenze dieser Goldförderung auf ältere Zeitperioden verschieben muss. Trotz der Tatsache, dass es in diesen Fällen stets um saisonale und lokale Einflüsse ging, ist offensichtlich, dass der Mensch schon damals den Wald auch in den niederen Lagen des Böhmerwalds beeinflusst hatte.

Zur Förderung von Edelmetallen kamen in die höheren Teilgebiete des Böhmerwaldes auch weitere Einflüsse hinzu, die schrittweise auf die Störung der Gesamtheit des Bergwaldes und zur lokalen vorübergehenden und anschließend dauerhaften Entwaldung gerichtet waren. Der saisonale Weidegang des Viehs in den Wäldern, seit Beginn der Besiedlung im Bergvorland üblich, kam zuerst im nordwestlichen und zentralen Teilgebiet des höheren Böhmerwaldes zur Geltung. An der Wende des Mittelalters und der Neuzeit war er jedoch auf dem gesamten Gebiet häufig vertreten.

Einen großen Einfluss auf den Zustand der Wälder im Böhmerwald hatte vor allem das Glaswesen. Seine Anfänge sind in Vimperk und der Umgebung von Horní Planá bereits im 14. Jahrhunderts belegt. Der tatsächliche Aufschwung der Glashütten begann jedoch erst ab dem 16. Jahrhundert. Die Glashütten standen zu Beginn der Kolonisierung an vielen Orten in bisher unberührten Wäldern des höheren Böhmerwaldes. Trotz der Tatsache, dass die Glashütten vor allem in den Anfangszeiten ihrer Entwicklung nur kleine Betriebe waren, war ihr Bedarf an Holz beträchtlich. Die Existenz einer solchen Glashütte, auch wenn nur für einige Jahre, bedeutete stets einen enormen Eingriff in die Baumartenzusammensetzung und Struktur der umliegenden Wälder. Außerdem gab es hier Einflüsse, die mit der dauerhaften oder zumindest vorübergehenden Besiedlung einhergingen, und so manche heutigen Siedlungen im Böhmerwald haben ihren Ursprung gerade in den früheren Glashütten.

Mit der Entwicklung der städtischen Besiedlung und später auch der Industrie in Böhmen und im Donau-Binnenland stieg im Laufe des Mittelalters und vor allem zu Beginn der Neuzeit der Verbrauch des Brenn- und des Bauholzes. Die lokalen Zentren, auch die größten wie Èeský Krumlov, Vimperk, Sušice usw. schafften es noch sehr lange ihren Holzbedarf aus den unweit gelegenen Wäldern zu decken, deren Zustand sich jedoch mit dem Maße der Ausbeutung rapide verschlechterte. Nur in einigen Gebieten mit traditionellem Erzabbau, vor allem im Gebiet Kašperskohorsko, wurde der empfindliche Holzmangel bereits in den frühen Phasen des Mittelalters wahrgenommen, die dortigen Wälder waren bereits damals in einem relativ schlechten Zustand. In der Hochphase des Mittelalters, als diese Probleme besonders schwer lasteten (bei gleichzeitigem Rückgang des Interesses der Herrscher an der Geschlossenheit der Grenzwälder) war der Waldraubbau und damit auch die weitere Kolonisierung der oberen Gebiete des Böhmerwaldes nur durch die Verkehrsunzugänglichkeit der riesigen Holzreserven eingeschränkt. Der Verkehr auf eigener Achse über größere Entfernungen war unmöglich wegen der hohen Kosten für den Bau und für den Unterhalt der Verkehrswege im herrschaftlichen Gebirgsgelände. Der Transport von Langholz auf den beiden größten Flüssen, Moldau und Otava, wurde durch die unflößbaren felsigen Flussabschnitte unmöglich gemacht. Auf der Moldau war dies der Teufelsfelsen (Èertova stìna pod Vyšším Brodem) und auf der Otava bzw. der Vydra die Schlucht Schachtelei pod Antýglem. Die kleineren Wasserwege waren nach Durchführung von Korrekturen nur für den Transport kürzeren Brennholzes nutzbar und dafür auch seit jeher genutzt.

Damit wurde die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts und insbesondere das 18. Jahrhundert zu einer Periode der Gipfelzeit der Kolonisation des Böhmerwaldes. Ihren Gipfel erreichte auch die Entwaldung bestimmter Teilgebiete und die strukturelle Wandlung des ursprünglichen Waldes in einem beträchtlichen Teil auch der höchsten Lagen des Böhmerwaldes. Das Ziel dieser Kolonisationswelle war vor allem die Nutzung der Holzreserven in den höchst gelegenen Berglagen.

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